Sammlung in Bewegung – Das Schaudepot im Berliner Georg Kolbe Museum
MAKURA hat mit Dr. Elisa Tamaschke, der Kuratorin und Leiterin „Ausstellungen, Forschung und Publikationen“ am Georg Kolbe Museum und Barbara Campaner, verantwortlich für Outreach, Bildung und Vermittlung am Georg Kolbe Museum gesprochen.
Welche Teile der Sammlung werden im Schaudepot für Besucherinnen und Besucher des Museums sichtbar?
Dr. Elisa Tamaschke: Unser Schaudepot am Ende der Ausstellungsräume ist nicht sehr groß, dafür umso wandelbarer: Es gibt grundsätzlich keine Einschränkungen, was aus unserer Sammlung und unserem Archiv, das seit 2020 um einen bedeutenden Teil des Nachlasses von Georg Kolbe noch gewachsen ist, dort gezeigt wird. Maßgeblich für das, was wir auswählen, sind die Themen der Hauptausstellungen, etwa „Noah Eshkol – No Time to Dance“. Begleitend dazu haben wir im Schaudepot Briefe, Zeichnungen und Fotografien der deutschen Tänzerin Gret Palucca und ihrer vertrauten Schülerin Tile Rössler präsentiert. Rössler wurde 1933 von Palucca aufgrund ihrer jüdischen Herkunft im Zuge des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums entlassen. Ihre Verbindung haben wir durch die Bestände unserer Sammlung aufgegriffen und konnten zudem den Bogen zu Noa Eshkol spannen, deren Lehrerin Rössler in Tel Aviv gewesen ist.
Unsere Sammlung besteht vorrangig aus figurativer Plastik der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Hauptausstellungen möchten wir jedoch Künstlerinnen und Künstlern des gesamten 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart widmen. Daher spielt unsere eigene Sammlung in den Hauptausstellungen eine untergeordnete, im Schaudepot jedoch die Hauptrolle. Durch die inhaltlichen Bezüge zwischen Hauptausstellung und Schaudepot kann die Sammlung in interessante neue Kontexte gebracht und immer wieder neu entdeckt werden.
Wie stellen Sie Verbindungen zwischen zeitgenössischer Kunst und dem Sammlungsbestand her?
Tamaschke: Es macht Spaß, nach Verbindungslinien zu suchen, die unsere Sammlung neu beleben könnten. In unserer Puppenausstellung „Ich weiß, dass ich mich verdoppeln kann“ mit Arbeiten der österreichisch-französischen Künstlerin, Choreografin und Regisseurin Gisèle Vienne (13. September 2024 – 09. März 2025; Anm. d. Red.) konnten wir im Schaudepot eine Auswahl unterschiedlicher Skulpturen der menschlichen Hand aus der Sammlung zeigen – ein Verweis auf das Puppenspiel, das ja über die Hände funktioniert.
Gleichzeitig akzentuieren wir in diesem Raum bestimmte Objekte und Themen aus der Sammlung, wodurch sie in ein besonderes Licht gerückt werden. Unser Publikum und auch wir werden aufgefordert, u. a. schwierige Kapitel der Institutionsgeschichte, etwa in der Zeit des Nationalsozialismus, kritisch zu hinterfragen. Solche Themen gehören zu unserem Bildungsauftrag und können im Schaudepot anhand der Objekte und in unserem Programmangeboten aufgegriffen werden.
Wie wird das Schaudepot in die Bildungs- und Vermittlungsarbeit eingebunden?
Barbara Campaner: Wie viele kleine Museen haben auch wir keine eigene Werkstatt, weshalb die praktische Bildungsarbeit im Schaudepot und allgemein in den Ausstellungsräumen stattfindet. Hier arbeiten wir mit Schulklassen, Kitagruppen und Erwachsenen. Durch die flexiblen Möbel können wir den Raum für unterschiedliche Formate einrichten. Die Vermittlung wird also nicht ausgelagert, sondern findet mitten zwischen Originalobjekten der Sammlung statt.
Weil wir inmitten des Ausstellungsraumes arbeiten, müssen wir bei der Auswahl der Arbeitsmaterialien besondere Rücksicht nehmen. Dafür begegnen unsere Teilnehmenden den Originalen direkter, was eine besonders wertvolle Erfahrung für sie ist. Gruppen können konzentriert arbeiten, da der Raum sich am Ende des Rundgangs befindet und bei Bedarf auch nur für die Vermittlung genutzt werden kann. Soll alles wieder aufgeräumt aussehen, schließen wir einfach die Schränke.
Vielen Dank für das Gespräch!
Dr. Elisa Tamaschke ist Kuratorin am Georg Kolbe Museum und leitet die Bereiche Ausstellungen, Forschung, Publikationen. Sie studierte Kunstgeschichte und Ev. Theologie an der Universität Leipzig; anschließend war sie von 2011 bis 2016 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kunstgeschichte an der Martin-Luther-Universität in Halle. Seit 2017 ist sie am Georg Kolbe Museum in Berlin tätig. Sie war Co-Projektleitung der Forschungsgruppe Georg Kolbe im Nationalsozialismus und organisierte die daraus resultierende Tagung, die im September 2022 im Georg Kolbe Museum stattfand. Außerdem war sie Mitherausgeberin des Tagungsbandes 2023. Für das Georg Kolbe Museum kuratierte sie u. a. die Ausstellungen Tea and Dry Biscuits. Eine Jubiläumsausstellung, Liaisons sowie zuletzt Räume schaffen. Die Konstruktivistin Marlow Moss. Mit Leonor Antunes, Tacita Dean, Florette Dijkstra und Ro Robertson.
Barbara Campaner ist studierte Kunsthistorikerin und ist durch ein Masterstudium im Fachbereich Kunst- und Kulturvermittlung an der Universität Bremen zur Bildungsarbeit im Museum gekommen. Seit Februar 2023 arbeitet sie als Kuratorin für Bildung, Vermittlung und Outreach im Georg Kolbe Museum in Berlin. Zuvor hat sie in ihrer mehrjährigen Freiberuflichkeit für verschiedene Kunstinstitutionen Vermittlungsprojekte konzipiert und durchgeführt (u. a. Bode-Museum Berlin, Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Neue Nationalgalerie, Martin-Gropiusbau, Palazzo Strozzi in Florenz, Bauhaus Archiv Berlin, Museion in Bozen) und war im Vermittlungsteam verschiedener Großausstellungen (u. a. documenta, Manifesta, Berlin Biennale für Zeitgenössische Kunst, transmediale) tätig. Ihre Schwerpunkte liegen auf partizipatorischer und politischer Arbeit sowie auf inklusiven Projekten.