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Alte Meister neu sehen

 

Die Gemäldegalerie Alte Meister in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) entwickelt eine Ausstellung mit Jugendlichen – „Fühlst du’s?“

Mai 2026

Am 19. September 2026 eröffnet die Gemäldegalerie Alte Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden die Ausstellung Correggio. Berührend menschlich. Zeitgleich eröffnet in einem benachbarten Ausstellungsraum die Begleitausstellung „Fühlst du’s?“, gestaltet von einer Gruppe Schülerinnen und Schüler von der Universitätsschule Dresden. Das Projekt wird betreut von Simone Seifert, wissenschaftliche Assistenz Bildung und Vermittlung, Johanna Kuritz, freie Mitarbeiterin, sowie Katja Wiechmann und Sebastian Richter, Pädagog:innen an der Universitätsschule. Die Ausstellung nimmt Gefühle als Zugang zur Kunst in den Blick - ein Thema, das auch im Werk Correggios essenziell ist.

Fühlen, berührt sein, das Menschliche erkennen: Was können Jugendliche heute mit den Werken alter Meister anfangen? Wie kommen sie miteinander ins Gespräch? Und welche Rolle spielen Gefühle dabei? Über Vermittlung als Prozess des gemeinsamen Arbeitens und Lernens während der Ausstellungsplanung berichtet Simone Seifert im Interview.

„Die meisten Besuchenden betrachten Kunstwerke vermutlich stärker aus einer kunsthistorischen Perspektive. Der Blick der Jugendlichen ist da deutlich unbefangener und lässt offenere Perspektiven zu, die stark mit ihren eigenen Erfahrungen und Lebenswelten zu tun haben.“

Makura: Frau Seifert, Sie leiten Jugendliche dazu an, eine eigene Ausstellung zu kuratieren. Wie ist die Idee entstanden? 

Simone Seifert: Zunächst wollte die Gemäldegalerie Alte Meister eine Ausstellung für Kinder und Jugendliche konzipieren. Unser Impuls im Team der Vermittlung war es jedoch, die Jugendlichen als Mitgestaltende dazuzuholen und zu versuchen, die Ausstellung mit ihnen gemeinsam zu entwickeln. Dafür konnten wir fünfzehn Jugendliche der siebten und achten Jahrgangsstufen von der Dresdner Universitätsschule gewinnen. 

Unser Ziel ist es, den Blick der Jugendlichen für die Werke alter Meister zu schärfen und zu schauen, wie sie mit Werken umgehen, deren kunsthistorische Bedeutung sie nicht kennen. Uns interessiert, was an dem Werk des italienischen Renaissance-Malers Antonio da Correggio und weiterer Künstler für Jugendliche heute spannend sein könnte. 

Und da kommen Gefühle als Leitthema ins Spiel?

Genau. Um die Jugendlichen zum Mitmachen zu begeistern, haben wir eine thematische Brücke zur Sonderausstellung geschlagen: Der Titel „Correggio – Berührend menschlich“ deutet ja bereits auf die Bedeutung von Gefühlen in der kuratorischen Konzeption hin. Correggio ist einer der ersten Maler, der menschliche Gefühle in den Gesichtern und Körperhaltungen seiner Figuren auf eindringliche Weise sichtbar werden ließ und damit Heiligenfiguren nahbar und menschlich zeigte. Gefühle sind zeitlos und bilden eine Brücke zwischen den historischen Werken und den Jugendlichen von heute. Sie gehören zu den grundlegenden Erfahrungen menschlichen Lebens. 

Mit Jugendlichen über Gefühle zu sprechen, noch dazu im Museum –  wie kann das gelingen?

Wir haben den Jugendlichen die Aufgabe gegeben, individuell zu erspüren, welche Gefühle beim Betrachten entstehen. Vor anderen Personen über Gefühle zu sprechen und sich zu öffnen, ist für uns alle aber nicht so einfach. Besonders schwierig ist es für junge Heranwachsende in der Pubertät. 

Bevor sich die Ausstellungsgruppe formiert hat, erzählte mir eine der Jugendlichen in einem Einzelgespräch, dass ein Landschaftsbild sie an die langen Wanderungen mit ihren Eltern erinnerte und sie deshalb beim Betrachten diese für sie negativen Erfahrungen in sich spürte. In kleineren Gruppen oder Einzelgesprächen lassen sich solche Gedanken oft leichter ansprechen. Um dies zu erleichtern, hatten wir im Team die Idee, die Jugendlichen unterstützend nach passenden Klängen und Musik suchen zu lassen. Die Auswahl der Stücke wird voraussichtlich in der Ausstellung über eine Audioausgabe abgespielt. Die Besucher:innen können später spielerisch ausprobieren, ob das Bild zu einem traurigen, gruseligen oder fröhlichen Klang passt. 

„Vor anderen Personen über Gefühle zu sprechen und sich zu öffnen, ist für uns alle aber nicht so einfach. Besonders schwierig ist es für junge Heranwachsende in der Pubertät.“

Wie genau arbeiten Sie mit den Schülerinnen und Schülern zusammen? 

Einmal wöchentlich trifft sich die Gruppe, um die Ausstellung zu planen. Von der Auswahl der Gemälde über das Ausstellungsdesign bis hin zu Marketing und Kommunikation schnuppern die Jugendlichen in verschiedene Bereiche der Ausstellungsplanung hinein. Ausgangspunkt sind Werke alter Meister, darunter eben auch die Arbeiten Correggios. 

Die Kurator:innen der Gemäldegalerie Alte Meister und Skulpturensammlung bis 1800 haben für die Ausstellung der Jugendlichen Gemälde und einige Skulpturen vorausgewählt. Sie haben geschaut, welche Werke gut zu dem Thema Gefühle passen könnten und zugleich mit der Sonderausstellung zu Correggio korrespondieren. Das Besondere ist, dass die Jugendlichen originale Kunstwerke der Sammlung in ihrer Ausstellung präsentieren werden.

Was lernen sie bei Ihnen über die Arbeit von Kurator:innen?

Wir haben die Jugendlichen vor Beginn unserer Zusammenarbeit gefragt, wie sie zum Museum stehen. Viele meldeten zurück, es sei dort langweilig oder „nichts los“. Jetzt, da wir von der Gruppe die grundsätzliche Bereitschaft haben, mitzumachen, ist es uns wichtig zu vermitteln, dass die Gemälde alter Meister von allen betrachtet werden können und jeder etwas Interessantes darin sehen kann. Die meisten Besuchenden betrachten Kunstwerke vermutlich stärker aus einer kunsthistorischen Perspektive. Der Blick der Jugendlichen ist da deutlich unbefangener und lässt offenere Perspektiven zu, die stark mit ihren eigenen Erfahrungen und Lebenswelten zu tun haben. 

Die Schülerinnen und Schüler erleben bei uns aber auch, welche Herausforderungen mit der Organisation und Kuration einer Ausstellung einhergehen. Sie machen Vorschläge für die Gestaltung der Ausstellung und des Flyers und wir vermitteln, welche Möglichkeiten der konkreten Umsetzung es gibt. Beispielsweise unterstützt unsere Marketingabteilung beim Gestaltungsprozess des Ausstellungsflyers. Niemand ist als Grafiker:in oder Layouter:in geboren und für seine Vorhaben holt man sich Expert:innen dazu. 

„Unser Ziel ist es, den Blick der Jugendlichen für die Werke alter Meister zu schärfen und zu schauen, wie sie mit Werken umgehen, deren kunsthistorische Bedeutung sie nicht kennen.“

Wie bringen die Jugendlichen sich ein? 

Eine Idee der Gruppe war es zum Beispiel, eine Magnetwand im Ausstellungsraum zu installieren, auf der die Besuchenden hochwertige Kopien von Werken selbst platzieren und immer wieder neu anordnen können. Auf verschiedene Farbflächen in Rot, Blau und Grün können dann Werke je nach Gefühl arrangiert werden –  Correggios „Die Heilige Nacht“ (1528/30) mit Marias liebevoller Zuwendung zum Jesuskind zur Farbe Rot für die Liebe? Das Landschaftsbild, das an endlose Wanderungen erinnerte, ebenfalls zu Rot. Diesmal aber als Farbe des Frustes? Die Wand wird wahrscheinlich jeden Tag anders aussehen. 

Diese Erfahrung ist insofern von Bedeutung, weil wir jungen Menschen zeigen, wie verschieden Kunstwerke betrachtet werden können und dass auch alte Meister mitten ins Herz gehen können. An dieser Stelle ermöglichen sie den Besuchenden, aktiv am Ausstellungsgeschehen teilzunehmen, als Ergänzung zum historischen Bedeutungskontext, der in der Sonderausstellung „Correggio. Berührend menschlich“ vermittelt wird. Am Beispiel der Magnetwand zeigt sich, wie die Jugendlichen auf einer gestalterischen Ebene mitwirken können. So stehen wir in der Zusammenarbeit mit der Gruppe immer wieder vor der Aufgabe, auszutarieren, wie viel Mitbestimmung seitens der Jugendlichen gewünscht und seitens des Museums möglich ist. 

„Diese Erfahrung ist insofern von Bedeutung, weil wir jungen Menschen zeigen, wie verschieden Kunstwerke betrachtet werden können und dass auch alte Meister mitten ins Herz gehen können.“

Bei aller Offenheit für neue Zugänge und ungewöhnliche Ideen... Nun sind die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ein Museum von Weltrang und haben hohe Qualitätsstandards. Welche Freiheiten bleiben da den Jugendlichen, mitzugestalten?

Dadurch, dass wir uns in dieser Ausstellung im Kontext der alten Meister befinden und an einige kuratorische Regeln gebunden sind, können wir keine bedingungslose Freiheit in der Gestaltung einräumen. Dazu gehört beispielsweise, dass wir nur Kunstwerke verwenden, die sich in einem einwandfreien und restauratorisch unbedenklichem Zustand befinden, dass Sitzmöglichkeiten nicht entlang der Wände, an denen originale Werke hängen, platziert werden dürfen oder andere Sicherheitsanforderungen eingehalten werden müssen.

Das bringt uns in einen Zwiespalt: Zum einen wünschen wir uns, dass mit der Ausstellung ein partizipatives Pendant zur Sonderausstellung entsteht, zeitgleich unterliegt unsere Arbeit im Haus natürlich gewissen Qualitätsstandards. Außerdem möchten wir, dass die Jugendlichen sich in ihrer Arbeit ernstgenommen fühlen, zugleich aber auch spüren, mit welcher Verantwortung gestalterische Entscheidungen einhergehen. Vollständig ergebnisoffen kann die partizipative Ausstellung deshalb am Ende nicht sein.

Wir möchten dennoch verhindern, dass zu viele Einschränkungen die Begeisterung hemmen. Deshalb erproben wir als Vermittlungsteam gerade, wie viel wir vorgeben können und an welchen Stellen es sich lohnt, einfach mal machen zu lassen.

„Für die Jugendlichen erhoffen wir uns, ihre Begeisterung für die Museumsarbeit geweckt zu haben. Sie schaffen es, unsere Sammlung und die Originale auf eine besondere Art und Weise sichtbar und aktuell zu machen.“

Was nehmen Sie als Museumsteam für die Zukunft mit? 

Wir sind noch mitten im Projekt und werden unsere Erfahrungen im Herbst auswerten. Für uns ist es eine schöne Möglichkeit, eine partizipative Ausstellung in unserem Haus durchzuspielen und zu schauen, ob wir unser Vermittlungsprogramm bestehend aus Führungen und Workshops mit einem dauerhaft bestehenden, partizipativeren Format ergänzen können. Aus den gewonnenen Erkenntnissen wollen wir später ein Vermittlungsangebot zum Thema Gefühle entwickeln, das wir für Schulklassen anbieten. 

Für die Jugendlichen erhoffen wir uns, ihre Begeisterung für die Museumsarbeit geweckt zu haben. Sie schaffen es, unsere Sammlung und die Originale auf eine besondere Art und Weise sichtbar und aktuell zu machen. Durch die Verbindung der altersunterschiedlichen Perspektiven können wir auch den individuellen Besuchenden der Sonderausstellung vermitteln, dass es nicht nur einen historischen und faktischen Blick auf die Kunstwerke gibt, sondern auch einen sensorischen und gefühlsorientierten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führten Anna Muradyan und Ina von Kunowski.

„Gefühle sind zeitlos und bilden eine Brücke zwischen den historischen Werken und den Jugendlichen von heute. Sie gehören zu den grundlegenden Erfahrungen menschlichen Lebens.“
Simone Seifert

Simone Seifert absolvierte ihr Studium der Germanistik, Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte an der TU Dresden. Sie ist freie Kunstvermittlerin in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, u.a. im Residenzschloss, dem Albertinum und dem Semperbau. Außerdem ist sie wissenschaftliche Assistentin für Bildung und Vermittlung im Semperbau (Gemäldegalerie Alte Meister und Skulpturensammlung bis 1800) und im Archiv der Avantgarden.

Podcast „Correggio. Berührend menschlich“

Correggio gehört in die erste Reihe der großen Renaissance-Maler neben Leonardo da Vinci oder Michelangelo, sagt Dr. Andreas Plackinger, Kurator der Ausstellung „Correggio. Berührend menschlich“ in dieser Episode des Podcasts „Ausstellungstipps der Kulturstiftung der Länder“.
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