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Kunst beginnt mit einer Frage
 

Freier Eintritt und die Kunst der Vermittlung im Staatlichen Museum Schwerin

Mai 2026

Nach einer vierjährigen Umbauphase hat das Staatliche Museum Schwerin im Oktober 2025 wiedereröffnet – mit 400 Quadratmetern mehr Ausstellungsfläche für die Kunst des 19. bis 21. Jahrhunderts. Der Eintritt in die Sammlung ist für vier Jahre kostenfrei, ermöglicht durch das Land Mecklenburg-Vorpommern und die Dorit & Alexander Otto Stiftung. Die Besucherzahlen sind seit der Wiedereröffnung markant gestiegen. MAKURA hat mit der Museumspädagogin Birgit Baumgart darüber gesprochen, wie sich die Vermittlungsarbeit im Museum seither verändert hat und wie es gelingt, Menschen verschiedenen Alters und mit ganz unterschiedlichen Vorerfahrungen für Kunst zu begeistern.

„Das ganze Museum zu sehen, schafft man sowieso nicht bei einem einzigen Besuch. Viel schöner ist es, sich einzelne Räume vorzunehmen, dort zu verweilen und ins Gespräch zu kommen.“

Makura: Frau Baumgart, unmittelbar nach der Wiedereröffnung besuchten im November und Dezember 2025 gut 25.000 Menschen das Museum. Im gleichen Zeitraum des Jahres 2019 waren es lediglich 7.400 Besucherinnen und Besucher. Was hat sich für Sie seitdem verändert? 

Birgit Baumgart: Heute besuchen auch Menschen das Museum, die früher eher nicht gekommen wären. Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen gegenüber Kunstmuseen eine gewisse Unsicherheit empfinden. Nicht, weil sie kein Interesse an Kunst hätten, sondern weil sie nicht genau wissen, was sie dort erwartet oder wie man sich einem Kunstwerk nähern soll. Der freie Eintritt senkt diese Hemmschwelle, weil man einfach einmal vorbeischauen kann, ohne sich vorher festlegen zu müssen, wie lange man bleibt. Im letzten Winter habe ich beobachtet, dass viele Besucherinnen und Besucher in der Ausstellung ihre Jacke anbehalten haben. Früher haben die meisten ihre Garderobe abgegeben.

Was könnte das bedeuten?

Für mich ist das ein Hinweis darauf, dass manche spontaner ins Museum kommen oder sich nicht vornehmen, lange zu bleiben. 

Nutzt das Publikum das Museum jetzt anders? 

Viele Leute kommen nicht nur einmal, sondern häufiger. Und das freut mich sehr. Das ganze Museum zu sehen, schafft man sowieso nicht bei einem einzigen Besuch. Viel schöner ist es, sich einzelne Räume vorzunehmen, dort zu verweilen und ins Gespräch zu kommen. Kürzlich traf ich den ehemaligen Pastor der Domgemeinde an der Kasse und er erzählte mir, dass seine Frau und er sich nun jede Woche ein einziges Bild vornehmen. Dann unterhalten sie sich über genau dieses eine Werk und tauchen tief in dessen Geschichte und Themen der christlichen Theologie ein. Das finde ich sehr schön. So einen Umgang mit dem Haus und den Gemälden haben wir vor dem Umbau nicht erlebt.

„Durch den freien Eintritt ist die Nachfrage nach Führungen deutlich gestiegen. Und die Besuchenden interessieren sich auch viel stärker für die Inhalte. Sie möchten nicht nur wissen, ob eine Führung angeboten wird, sondern auch, worum es inhaltlich geht.“

Ist der freie Eintritt aus Ihrer Sicht eine Chance, Menschen dauerhaft an das Museum zu binden?

Ja, das beobachte ich durchaus. Wenn ich mit Schulklassen arbeite, erlebe ich oft, dass die Kinder und Jugendlichen begeistert sind. Ich versuche sie dann zu bestärken, noch einmal mit den Eltern wiederzukommen. Da der Besuch nichts kostet, treffe ich manche am Wochenende wieder. Dann sage ich: „Du bist jetzt die Expertin oder der Experte und kannst deinen Eltern zeigen, was wir uns angeschaut haben.“ Inwiefern die Kinder und Jugendlichen dem Museum dauerhaft verbunden bleiben, muss sich zeigen.

Hat sich Ihre Arbeit seit der Wiedereröffnung verändert – gerade mit Blick auf die gestiegenen Besucherzahlen? 

Durch den freien Eintritt ist die Nachfrage nach Führungen deutlich gestiegen. Und die Besuchenden interessieren sich auch viel stärker für die Inhalte. Sie möchten nicht nur wissen, ob eine Führung angeboten wird, sondern auch, worum es inhaltlich geht. Dann werden wir gefragt, welche Werke beispielsweise in der Führung „Aufbruch in die Moderne“ besprochen werden – „Sind es dieselben wie in der Woche zuvor?“ Viele planen ihren Besuch gezielt und kommen mehrfach, um unterschiedliche Themen kennenzulernen. Das gab es früher nicht. 

Ist das für Sie auch eine Herausforderung? Haben Sie genug Kapazitäten?

Bei dieser hohen Nachfrage brauche ich neue freie Mitarbeitende. Das ist allerdings nicht so einfach, denn für die Honorare, die wir anbieten können, findet man selten ausgebildete Kunsthistorikerinnen oder Kunsthistoriker. Deshalb müssen die neuen Kolleginnen und Kollegen intensiv eingearbeitet werden. Es reicht aber auch nicht, die Inhalte zu kennen – gute Vermittlung braucht auch didaktische und pädagogische Kompetenzen.

„Heute frage ich stärker danach, wie es Clara dabei eigentlich ergangen sein muss und wie wir die Reise aus heutiger Sicht bewerten. Das Gemälde bleibt dasselbe, aber die Deutung verändert sich.“

Was macht gute Vermittlungsarbeit für Sie aus?

Bei der Vermittlung geht es nicht darum, Vorträge zu halten, sondern gemeinsam mit den Besucherinnen und Besuchern nachzudenken. Gerade bei älteren Besuchergruppen finde ich es spannend, unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven zusammenzubringen. Dabei lerne ich oft selbst genauso viel wie die Teilnehmenden. Außerdem beschäftige ich mich zunehmend mit übergreifenden Fragen aus Philosophie, Wissenschaft und Gesellschaft. Mich interessiert, wie man mithilfe von Kunst über Themen wie Wahrheit, Wahrnehmung oder Wirklichkeit ins Gespräch kommen kann. 

Wie kann man sich das an einem Beispiel vorstellen? 

Das lebensgroße Bild des Panzernashorns Clara, ein Werk des Pariser Hofmalers Jean-Baptiste Oudry aus dem Jahr 1749, ist ein gutes Beispiel. Lange wurde die Geschichte des Nashorns vor allem als außergewöhnliche Erfolgsgeschichte erzählt: ein Tier aus Indien, das im 18. Jahrhundert durch Europa reiste und berühmt wurde. Heute frage ich stärker danach, wie es Clara dabei eigentlich ergangen sein muss und wie wir die Reise aus heutiger Sicht bewerten. Das Gemälde bleibt dasselbe, aber die Deutung verändert sich. Anhand von Clara vermittle ich kritische Perspektiven auf unsere koloniale Geschichte und einen ethischen Umgang mit Tieren. 

Neben Oudrys beeindruckenden Tierbildern liegt ein weiterer Schwerpunkt der Sammlung auf Marcel Duchamp (1887–1968), der als „Urvater der Konzeptkunst“ gilt. Seine Kunst erschließt sich rein visuell nicht so einfach, was bedeutet das für die Vermittlung?

Ich glaube, die Werke von Marcel Duchamp lassen sich heute deutlich besser vermitteln als früher. In der neuen Präsentation haben sie mehr Raum und durch die Verbindung mit den Fluxus-Künstlern der Nachkriegszeit, die stark von Duchamp beeinflusst waren, entstehen zusätzliche Anknüpfungspunkte. Meine Erfahrung ist, dass sich Duchamps Kunst sehr gut vermitteln lässt, sobald man miteinander darüber spricht. Dabei sage ich aber auch ganz offen: „Wir werden wahrscheinlich nie vollständig verstehen, was er sich bei seinen Arbeiten gedacht hat.“ Ich jedenfalls nicht. Aber das ist für mich kein Problem. Im Leben verstehen wir schließlich auch nicht alles und nicht jeden Menschen. Kunst lässt Fragen offen.

„Ich glaube, dass Museen noch stärker von den Besuchenden her gedacht werden müssten.“

Marcel Duchamp hat mit den sogenannten Readymades Alltagsgegenstände zu Kunst deklariert. Manch einer wundert sich, warum da eine Schneeschaufel in der Ausstellung hängt …

Genau diese Irritation macht die Vermittlung aber spannend! In meinen Angeboten geht es nicht darum, möglichst schnell die richtige Erklärung zu liefern. Ich bitte die Besucherinnen und Besucher, ihre Fragen, Gedanken oder Irritationen festzuhalten. Was bleibt hängen? Was überrascht? Was stößt vielleicht sogar ab oder erzeugt Widerstand? Wenn Besucherinnen und Besucher selber etwas ausprobieren, entdecken oder verändern können, entsteht oft ein ganz anderer Zugang zu den Werken. 

Geben Sie uns noch ein Beispiel?

Beim Internationalen Museumstag haben wir ein Escape Game zu Duchamp angeboten, das wir vom Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main bekommen haben. In dem Spiel können die Leute in kleinen Gruppen Rätsel lösen und damit dem Werk Duchamps auf die Spur kommen. Solche Angebote würde ich mir häufiger wünschen. Ich glaube, dass Museen noch stärker von den Besuchenden her gedacht werden müssten. Oft steht zuerst die Kunst im Mittelpunkt und erst danach die Frage, wie Menschen Zugang dazu finden. Für mich müsste die Reihenfolge umgekehrt sein. Vor allem junge Menschen erreiche ich nicht mehr über reine Wissensvermittlung.

„Fachwissen ist wichtig, aber oft wird es spannender, wenn Menschen ihren eigenen Blick auf ein Kunstwerk entwickeln und mit anderen teilen. Vermittlung bedeutet für mich daher nicht, möglichst viele Informationen zu transportieren, sondern Fragen anzuregen und sich gemeinsam Bedeutungen zu erschließen.“

Sie beschreiben das Museum als einen Ort des Entdeckens und des Austauschs. Was unterscheidet das Lernen im Museum vom Lernen in der Schule?

Ich habe selbst zehn Jahre als Lehrerin gearbeitet und auch Kunst unterrichtet. Wenn ich in der Schule über Marcel Duchamp und seine Readymades spreche, ist das abstrakt und schwer zugänglich. Im Museum sind die Voraussetzungen andere. Hier stehen die Objekte in einem Kontext von kunst- und kulturgeschichtlichen Inhalten. Sie treten miteinander in Beziehung, schaffen Sinnzusammenhänge. In der Ausstellung kann ich die Interessen und Erwartungen der Menschen viel leichter adressieren. Ich frage dann zum Beispiel mit Blick auf Duchamps Schneeschaufel: „Wie protestiert ihr heute? Und wie würde ein Künstler protestieren, der nicht mehr arbeiten möchte, wie der Kunstmarkt das vorgibt?“ Für mich steht immer das Gespräch im Mittelpunkt. Viele erwarten von einer Führung zunächst, dass ihnen Wissen vermittelt wird. Fachwissen ist wichtig, aber oft wird es spannender, wenn Menschen ihren eigenen Blick auf ein Kunstwerk entwickeln und mit anderen teilen. Vermittlung bedeutet für mich daher nicht, möglichst viele Informationen zu transportieren, sondern Fragen anzuregen und sich gemeinsam Bedeutungen zu erschließen. Genau das macht für mich die Faszination des Museums als Bildungsort aus: Lernen kann hier offener, persönlicher und oft auch überraschender stattfinden als in der Schule.

Wie kann das Museum wiederum schulisches Lernen unterstützen?

Mir ist wichtig, dass Schulen das Museum als Lernort wahrnehmen. Viele Lehrkräfte wissen gar nicht, welche Möglichkeiten Museen für den Unterricht bieten. Deshalb engagieren wir uns seit 2016 im Arbeitskreis Vermittlung des Museumsverbands Mecklenburg-Vorpommern. Unser Ziel ist es, Schule und Museum stärker miteinander zu verknüpfen, eine Öffnung auf beiden Seiten zu erreichen. In den vergangenen Jahren haben wir zunächst untersucht, welche Angebote die Museen im Land überhaupt machen und wie sie mit Schulen zusammenarbeiten. Daraus ist unter anderem die Idee der Datenbank „Schule im Museum“ entstanden. Lehrkräfte können dort gezielt nach Themen suchen und sehen, welche Museen passende Angebote bereithalten, wer die Ansprechpersonen sind und wie ein Besuch ablaufen kann. 

Das betrifft für das Staatliche Museum Schwerin vermutlich vor allem den Kunstunterricht?

Ganz und gar nicht! In einem Kunstmuseum lassen sich viele Fächer miteinander verbinden. Für Mathematik bietet sich beispielsweise das Thema Goldener Schnitt an. In Philosophie kann man über Fragen wie „Was ist Schönheit?“ oder „Was ist Wahrheit?“ diskutieren. Auch für Religion, Geschichte oder Sozialkunde gibt es zahlreiche Anknüpfungspunkte. So habe ich beispielsweise mit einer elften Klasse zu kolonialen Kontinuitäten gearbeitet. Viele waren überrascht, wie präsent unsere koloniale Vergangenheit in den Sammlungen ist und wie aktuell die Fragen sind, die sich daraus ergeben – etwa danach, wem Kulturgüter gehören, wie wir mit kolonialem Unrecht umgehen oder welche Bilder und Vorstellungen bis heute unser Denken prägen.

Um solche vielfältigen Bezüge zu den Themen und Inhalten des Museums zu ermöglichen, braucht es oft auch gute Netzwerke. Mit dem Arbeitskreis Vermittlung in Mecklenburg-Vorpommern sind Sie gut vernetzt. Helfen solche Partner vor allem bei der Zusammenarbeit mit Schulen oder auch dabei, neue Besuchergruppen ins Museum zu bringen?

Netzwerke sind für meine Arbeit sehr wichtig, weil ich darüber neue Zielgruppen erreiche und spezielle Expertise ins Museum einbinden kann. Ein Beispiel: Viele Menschen in Mecklenburg-Vorpommern identifizieren sich mit dem Plattdeutschen, unserer Regionalsprache. Daher gehört Platt für mich selbstverständlich auch ins Staatliche Museum. Für ein Filmprojekt zur Geschichte des Museums habe ich die plattdeutsche Tonspur mit Unterstützung der Universität Greifswald aufgenommen. Studierende haben Texte aus dem Hochdeutschen übersetzt. Eine Studentin, die Niederdeutsch als Beifach studiert, bietet jetzt sogar plattdeutsche Führungen im Museum an. Und zu den „6. Plattdeutschen Wochen“ [30. Mai bis 28. Juni 2026 unter dem Motto „MV schnackt Platt. Schnack mit!“, Anm.d.Red.] haben wir mit verschiedenen Partnern zusammengearbeitet, wie etwa dem Heimatverband Mecklenburg-Vorpommern, der Menschen zusammenbring, die traditionelle Kultur mögen, erforschen und pflegen. Für mich sind zivilgesellschaftliche Initiativen und Verbände wichtige Partner, um das Museum zu einem offenen Ort für unterschiedlichste gesellschaftliche Gruppen zu machen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führten Ina von Kunowski und Daniela Kummle.

„Für mich sind zivilgesellschaftliche Initiativen und Verbände wichtige Partner, um das Museum zu einem offenen Ort für unterschiedlichste gesellschaftliche Gruppen zu machen.“
Birgit Baumgart

Birgit Baumgart arbeitet seit über 20 Jahren als Museumspädagogin. Am Staatlichen Museum Schwerin entwickelt sie Vermittlungsangebote für Kindertageseinrichtungen, Schulen sowie verschiedene Besuchergruppen, darunter Familien, Senior:innen und Menschen mit Behinderungen. Nach dem Studium der Kunstpädagogik in Dresden, ihrem Zweiten Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien und zehn Jahren im Schuldienst wechselte sie nach Schwerin. Sie engagiert sich im landesweiten Arbeitskreis Kultur und Inklusion, ist Sprecherin des Arbeitskreises Vermittlung des Museumsverbandes Mecklenburg-Vorpommern und bringt ihre langjährige berufliche Erfahrung als Referentin der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel regelmäßig in Fachdiskurse ein.